„Schule? Macht voll keinen Sinn für mich!“
Bemerkungen zum Thema Schuldistanz

 

Vorbemerkung

Mit den Begriffen Schulverweigerung und Schuldistanz ist im Rahmen dieses Artikels insbesondere ein physisches Fernblieben vom Unterricht gemeint. Auf eine genauere Definition und Abgrenzung der Begrifflichkeiten soll hier verzichtet werden.

 

Der Schulverweigerer in mir

Nach meiner Ausbildung zum Sonderschullehrer war ich 15 Jahre als Lehrer und Einrichtungsleiter einer außerschulischen Bildungseinrichtung für schuldistanzierte Jugendliche tätig. Heute betreibe ich eine Praxis für Supervision & Coaching in Berlin und unterstütze Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen der sozialen Arbeit und des Bildungswesens.

 

Mit dem Phänomen Schulverweigerung wurde ich zum ersten Mal als Schüler der 5. oder 6. Klasse konfrontiert, als ich nämlich selbst einen Tag geschwänzt habe. Bis heute kann ich mich gut an diesen einzigen Tag erinnern, an dem ich Schulverweigerer war: Damals habe ich mir eine wackelige Konstruktion aus Ausreden und Lügengeschichten einfallen lassen, damit mein Schwänzen nicht auffliegt - woraufhin ich in wochenlanger Panik unterschiedlichste Strategien durchgespielt habe, falls es doch dazu kommen sollte. Nur der Empathie und dem Wohlwollen meines damaligen Klassenlehrers, der die Sache am Ende auf sich beruhen ließ, war es zu verdanken, dass mir die beschämende Konfrontation mit meinem eigenen Verhalten erspart blieb und ich irgendwann wieder ruhig schlafen konnte. Damals habe ich gelernt: Schulverweigerung bedeutet Stress!

Bis heute faszinieren mich der unglaubliche Energieaufwand und die Motivation, die Jugendliche aufbringen, um sich genau das zu ersparen: Energieaufwand und Motivation. Würde man ebenso viel Energie in den Schulbesuch investieren wie in dessen Vermeidung, dann hätten alle Schulverweigerer am Ende wahrscheinlich einen erstklassigen Schulabschluss. Und doch gibt es Jugendliche, für die der Schulbesuch keine Option ist.

 

Schulvermeidung ist sinnvoll

Als Sonderpädagoge habe ich gelernt, dass jedes menschliche Verhalten subjektiv sinnvoll ist und ein nachvollziehbares Bedürfnis befriedigt. Völlig sinnfreie Verhaltensweisen oder solche, die ausschließlich schädlich sind, existieren demnach nicht oder werden zumindest schnell wieder abgestellt. Wenn wir annehmen, dass dieser Grundsatz auch für Schuldistanz gilt, dann wäre die Vermeidung des Schulbesuchs aus subjektiver Sicht sinnvoll und der dafür benötigte Energieeinsatz insofern lohnenswert.
Nicht selten habe ich erlebt, dass Schulverweigerung als Lösungsstrategie angewendet wurde, wenn keine passendere Lösung verfügbar war: Verantwortungsübernahme für kranke Eltern oder bedürftige Geschwister, Loyalität mit dem sozialen Herkunftsmilieu, Vermeidung von Fremdbewertung, Schamabwehr und Angst sind einige solcher Beispiele. Gemeinsam ist allen, dass die Vermeidung des Schulbesuchs als Lösung zwar kurzfristig funktioniert, aber relativ schnell eine Eigendynamik annimmt. Schuldistanz wird dann selbst zum Problem, das noch größer werden kann als das Ursprungsproblem, dessen Lösung es eigentlich sein sollte. Deshalb ist aus meiner Sicht schnelle Intervention angezeigt, um Schuldistanz nicht „chronisch“ werden zu lassen.

 

Wahrnehmen – Verstehen – Verändern

Leider muss ich die geneigte Leserschaft an dieser Stelle enttäuschen. Das Patentrezept im Umgang mit Schuldistanz kann ich leider auch nicht liefern. Es gibt aber ein paar Dinge, die sich für mich als hilfreich herausgestellt haben.

Der erste Tipp hört sich zunächst banal an und sollte eigentlich selbstverständlich sein: Die Schule muss mitbekommen, dass eine Person dem Unterricht fernbleibt und dieses Fernbleiben dokumentieren. Nur so lassen sich Entwicklungsverläufe nachvollziehen. Dabei ist besonders darauf zu achten, das Verhalten sachgerecht wahrzunehmen und wertfrei zu beschreiben. Also nicht etwa: „Kommt immer erst zur 3. Stunde und ist dann auch noch frech.“, sondern, „Kam diese Woche Montag bis Donnerstag erst zur dritten Stunde. Wirkte angespannt und reizbar.

 

Wie erwähnt kann Schulverweigerung als (hilfloser) Lösungsversuch für ein dahinterliegendes Problem betrachtet werden. Dabei ist es sinnvoll ein unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht zeitnah zu thematisieren – und zwar geleitet von Wohlwollen und Interesse. Wie auffällig oder schwierig sich ein Verhalten auch immer darstellen mag, es ist subjektiv sinnvoll und deshalb sollte es zunächst nicht um Veränderung, sondern um Annäherung gehen. Erst wenn ein Verhalten einigermaßen verstanden wurde, ist es möglich alternative Strategien anzubieten und Lösungswege zu eruieren.

 

Schlussbemerkung

Schulverweigerung ist kein neues Phänomen und die Ursachen sind vielfältiger und individueller als es sich in einem kurzen Artikel darstellen lässt. Der Umgang mit schuldistanziertem Verhalten ist überaus herausfordernd und auch ich habe in meiner Arbeit so einige junge Menschen nicht nachhaltig erreichen können. Wenn man Jugendlichen aber mit echtem Interesse und Respekt vor den Herausforderungen des Jugendalters begegnet, dann ist das die beste Voraussetzung für die Begleitung eines nachhaltigen Entwicklungsprozesses.
Die letzte Entscheidung über den eigenen Lebensweg liegt jedoch bei jedem Menschen selbst – und kann auch nur dort liegen.

 

Björn Steinhardt

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